Partnerrupfen - unsere Erfahrungen (als PDF)
Der Tatbestand
Im Juni 2004 fiel uns bei Ali (Henne) der Nackenbereich auf, der ausgedünnt wirkte. Sofort hatten wir Mogli im Verdacht, dass er Ali bei der gegenseitigen Gefiederpflege rupfte. Im Juli 2004 konnten wir Mogli dann mehrmals auf frischer Tat überführen: Er kraulte Ali vorwiegend im Nackenbereich; dann machte er eine ruckartige Kopfbewegung und hielt im Schnabel daraufhin kleine Federteile, ganze Federn oder frische Federkiele. Ali quietschte als Reaktion auf das Rupfen, hielt ihm aber weiterhin ihren Kopf hin, als Aufforderung weiterzukraulen... Hier sind zwei Bilder, die den Nackenbereich von Ali zeigen: Es sieht wirklich zerzaust aus. Bei manchen Deckfedern ist der obere Teil abgebissen. Die Aufnahmen zeigen Alis Gefiederzustand vom 20. August 2004.
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Ein solches Verhalten, wie oben beschrieben, wird Partnerrupfen genannt. Es kommt recht häufig bei Papageien in Gefangenschaft vor. Entgegen der Meinung vieler Mohrenhalter bin ich überzeugt, dass es sich beim Partnerrupfen nicht um ein normales, sondern um ein 'krankhaftes' Verhalten handelt. Tatsächlich kann es in der freien Natur auftreten beispielsweise in der Form, dass der weibliche Vogel während der Kopulationsversuche im Nacken gerupft wird. Partnerrupfen (wie oben beschrieben) ist in freier Natur allerdings kein normales Phänomen. Vergleiche mit freilebenden Papageien in ihrem natürlichen Habitat machen deutlich, wie reduziert die Lebensbedingungen der Stubenvögel sind: Papageien in Gefangenschaft brauchen nicht vor Fressfeinden zu fliehen. Sie müssen nicht kilometerweit zur nächsten Futter- oder Wasserquelle fliegen. Äußere Reize wie Wind, Regen, Sonne, Temperaturschwankungen sind in der Wohnungshaltung komplett ausgeschaltet. Die Umgebung ändert sich kaum, was Licht und Farben angeht. Die viele freie Zeit, die in der Gefangenschaft aber nun vorhanden ist, muss gefüllt werden: Im Gegensatz zu ihren frei lebenden Artgenossen verwenden Papageien in Gefangenschaft mehr Zeit auf Essen, Schlafen, Spielen, eigene Gefiederpflege und Paarbeziehung. Verhaltensänderungen bzw. -störungen, wie Selbst- und Partnerrupfen, aber auch körperliche Folgen, wie Verfettung etc., können auftreten.*
Unsere Ermittlungen - Ursachensuche
Nachdem wir die Gewissheit hatten, dass es sich um Partnerrupfen handelte, begannen Klaus und ich damit, uns mit der Thematik und möglichen Ursachen vertraut zu machen. Wir brachten daraufhin in Erfahrung, dass alle Geschwister von Mogli ihr Weibchen zur genannten Zeit (Juni/Juli) rupften bzw. zu einem anderen Zeitpunkt bereits gerupft hatten. Inwieweit dies damit zusammenhängt, dass Mogli und seine Geschwister als Nestlinge von ihren Elternvögeln ebenfalls gerupft wurden, bleibt dahin gestellt. Manche Züchter vertreten die Ansicht, dass das Rupfverhalten der Elterntiere auf die Jungtiere übertragen wird im Rahmen eines Lernprozesses. Andere Mohrenhalter wiederum weisen darauf hin, dass ihre Tiere ebenfalls zum Partnerrupfen neigten, obwohl sie nicht von ihren Eltern gerupft wurden. Über das Internet nahmen wir also Kontakt auf zu verschiedenen Mohrenhaltern. Fast alle konnten über ein Partnerrupfen bei ihren Tieren berichten. Alle Mohrenpaare wurden in recht großzügigen Käfigen/Volieren mit regelmäßigem Freiflug gehalten, so dass schlechte Haltungsbedingungen / Langeweile als Ursache für das Partnerrupfen ausgeschlossen werden konnten. Auffällig war zudem, dass bei allen Mohrenpaaren lediglich die Hähne die Hennen rupften.
Als mögliche Ursachen kamen für uns also in Frage:
- Jahreszeit
eventuell Brutstimmung, die zu einer Unausgeglichenheit der Männchen führt - Art der Handaufzucht
Gegen diese Vermutung scheint manches zu sprechen: Beispielsweise gibt es Unterschiede bezüglich der Art der Handaufzucht (z.B. ab der wievielten Woche kamen die Tiere in die Handaufzucht, lag Elternrupfen vor oder nicht...) - dennoch gibt es Mohren, die unabhängig von der Art ihrer Handaufzucht dazu neigen, ihren Partner zu rupfen, bzw. es eben nicht tun.
Gleichzeitig sind auch Naturbruten bekannt, die zum Partnerrupfen neigen. - Zwangsverpaarung
Jeder der genannten Mohren hat sich seinen Partner / seine Partnerin nicht freiwillig ausgesucht: Der Partnervogel wurde vielmehr vom Menschen dazugesetzt. Bei keinem der Mohrenpaare ist es jedoch so, dass offene und lang andauernde Streitigkeiten zwischen den Tieren bestehen. Auf der anderen Seite muss aber auch ganz klar gesagt werden, dass die Vögel ja meist keinen alternativen Artgenossen wählen können, wenn ihnen ihr bisheriger Partner 'auf den Nerv geht'. Menschlich gedacht und gesprochen könnte das dann heißen: "Wenn ich mich nicht trennen kann, dann versuche ich meinen Partner zu ärgern, wo's eben möglich ist..." Ob Vögel allerdings zu einer solch unterschwelligen Aggression neigen oder ob sie dann nicht eher einen offenen Streit austragen, kann ich nicht sagen. - Alter mit hormonellen Schwankungen
Bei Mogli konnten wir das Verhalten im Alter von 2,5 Jahren erstmals beobachten. Dieses Alter kann laut Literaturangaben den Zeitpunkt der beginnenden Geschlechtsreife markieren. Hormonelle Schwankungen, zuviel Futter (z.B. zuviel Eiweiße) und / oder zuwenig Bewegung könnten u.U. dazu führen, dass die überschießenden Energien in Form von Partnerrupfen abgebaut werden.
Gleichzeitig ist zumindest von bestimmten Sitticharten bekannt, dass sie bis zur Geschlechtsreife lose Beziehungen zum Gegengeschlecht eingehen, sich aber mit der Geschlechtsreife auf einen lebenslangen Partner einlassen. U.U. ist dies auch bei Mohrenkopfpapageien der Fall: D.h. der Freund aus Kindertagen hat ausgedient; man würde am liebsten einen neuen Partner suchen, hat aber aufgrund der Gefangenschaftsbedingungen nicht die Möglichkeit dazu. Man arrangiert sich also mehr schlecht als recht mit dem bisherigen Partner, unterschwellige Aggressionen bleiben vorhanden.
Verhaltensänderungen bei Mogli?
Generell fielen uns in der Zeit Mai / Juni / Juli 2004 an unserem Hahn Mogli verschiedene Veränderungen auf, die darauf hindeuten, dass die Geschlechtsreife einsetzte.
- Beide Mohren waren in diesem Zeitraum extrem unausgeglichen, was sich in langen Schreiphasen ohne erkennbare Ursache äußerte.
- Bei Mogli setzte in diesem Jahr die erste Mauser ein, in der er sehr viele Federn verlor. Das Schreien und die Unausgeglichenheit ist vielleicht auch auf dieses Phänomen zurückzuführen. Mir fielen in den Monaten Mai / Juni / Juli 2004 zwei "kahle" Stellen in Moglis Gefieder auf: einmal in der Nähe des Steiß unter dem Flügel, einmal an der Brust. Beide Stellen waren lediglich mit weißen Daunen bedeckt, das Deckgefieder fehlte. Ich vermute, dass Mogli hier die Federn selbst ausrupfte, vielleicht verursacht durch einen Juckreiz, vielleicht aber auch aufgrund einer möglichen Unausgeglichenheit / Frustration. Nach einigen Tagen wuchsen an den entsprechenden Stellen jeweils ca. 10-15 Federkiele mit Deckgefieder, die von Mogli unversehrt blieben.
Mogli begann in diesem Zeitraum, 'sein Revier' auf aggressive Art zu verteidigen:
Als sein Revier betrachtete er dabei vor allem den Sleepy Teepy (siehe Bild) und ähnliche höhlenartige Spielzeuge. Während des Freiflugs lag er in dieser Zeit hauptsächlich in diesen Höhlen und verteidigte sie gegenüber Ali. Sobald Klaus zu nahe an den Höhlen vorbeiging, versuchte Mogli, ihn zu beißen.
Wir machten in diesen Monaten zusätzlich den Fehler und hängten einen Nymphensittichkobel in die Voliere. Dieser wurde am Anfang zunächst von beiden Tieren ignoriert. Eines Tages jedoch waren beide Mohren extrem erregt, als wir ins Wohnzimmer kamen: Mogli saß in der Nähe des Kobels, Ali machte einen verstörten Eindruck. Wir stellten daraufhin fest, dass Ali eine recht tiefe Biss-Spur am Schnabel hatte. Auch die Schnabelhaut war verletzt und blutete leicht. Mogli hatte also versucht, den Nistkasten gegenüber Ali zu verteidigen, indem er sie mit Schnabelhieben an einem Zugang hinderte.
Wir entschieden uns daraufhin, den Kobel und die höhlenartigen Spielzeuge (Sleepy Teepy, Happy Hut) abzuhängen, um Mogli keinen Grund mehr für sein Revierverhalten zu geben. Ob diese Entscheidung richtig war, kann ich nicht sagen. Auch vom Tierarzt bekamen wir diesbezüglich keine verwendbaren Auskünfte. Fakt ist jedoch, dass Mogli sein aggressives Verteidigungsverhalten gegenüber Ali und Klaus einstellte, nachdem die Gegenstände entfernt wurden. Er wurde sogar Klaus gegenüber recht zutraulich und friedlich. Ich denke, dass wir den Nymphensittichkobel einfach zu einem falschen Zeitpunkt in den Käfig gehängt haben. Vielleicht wäre es zu einer anderen Zeit (z.B. Herbst / Winter) sinnvoller gewesen.
Besuch beim Tierarzt
Wir suchten im Juli 2004 einen papageienkundigen Tierarzt auf, um zu erfahren, welche Ursachen das Partnerrupfen hat bzw. was wir als Halter dagegen tun können. Wie erwartet handelt es sich beim Partnerrupfen um ein Geschehen mit vielfältiger Ursache. Als Mohrenhalter steht man dem ganzen eigentlich machtlos gegenüber. Auch der Tierarzt vertritt die Meinung, dass Partnerrupfen kein normales Verhalten ist, sondern ein Verhaltensproblem darstellt, das sehr oft bei in Gefangenschaft gehaltenen Papageienvögeln auftritt. Als Ursachen / mögliche Lösungen wurden vom Tierarzt folgende Dinge benannt:
- Veränderungen in der Umgebung, die verängstigend auf die Tiere wirken und das Partnerrupfen auslösen könnten. Dies konnten wir bei uns ausschließen.
- Gleichgeschlechtliche Tiere?
Werden keine gegengeschlechtlichen Paare, sondern zwei gleichgeschlechtliche Tiere zusammengehalten, kann dies eine Rolle beim Partnerrupfen spielen. Hier wäre dann eine sichere Geschlechtsbestimmung mittels DNA-Analyse angesagt. Da unsere Tiere bereits sicher geschlechtsbestimmt sind, konnten wir diesen Punkt bei uns ausschließen. - Langeweile und mangelnde Beschäftigung können ebenfalls eine Rolle beim Partnerrupfen spielen. Auch diesen Punkt können wir bei uns ausschließen, da wir versuchen, einmal wöchentlich die Voliere mit neuen Ästen und abwechselndem Spielzeug auszustatten. Dennoch sind wir auch hier weiterhin bemüht, diesen Punkt zu optimieren.
- Zwangsverpaarung kann eine mögliche Ursache darstellen, wobei der Tierarzt gleichzeitig vermerkte, dass auch bei freier Partnerwahl das Risiko bestehen bleibt, dass die Tiere ihren Partner rupften. Bei einem Partnertausch zum jetzigen Zeitpunkt bleibt das Risiko bestehen, dass der Hahn die neue Henne ebenfalls rupfen wird.
- Geschlechtsreife:
Aus seinen Erfahrungswerten konnte der Tierarzt sagen, dass das Partnerrupfen bei den Hähnen meist erstmals mit der Geschlechtsreife auftritt. Warum dies so ist, dafür gibt es jedoch keine eindeutigen Ursachen. - 'falsche' Ernährung und Energiezufuhr:
Hiermit ist eine Ernährung gemeint, die nicht die Bedingungen der Gefangenschaft berücksichtigt, z.B. zu viel Körner, Obst etc., was auf Dauer u.U. zu einem Energieschub führt, der eben nicht richtig abgebaut werden kann. Für uns bedeutet dies folglich: Mais, Vogelbeeren, Zuckerschoten, Erbsen... nur noch in Maßen! Bei Künne konnten wir zudem nachlesen, dass ein Mangel an tierischen Eiweißen bei bestimmten Vogelarten durchaus das Rupfen am eigenen Federkleid auslösen könnte. Wir kauften daraufhin getrocknete Bachflohkrebse, die allerdings von unseren Mohren bisher nicht weiter beachtet, geschweige denn probiert werden. - Handaufzucht?
Aus seinen Erfahrungen konnte der Tierarzt nicht bestätigen, dass die Art der Handaufzucht bzw. die Handaufzucht überhaupt eine Rolle beim Partnerrupfen spielt. Wenn handaufgezogene Papageien rupfen würden, dann eher in Form von Selbstrupfen. - Rupfen als Lernprozess?
Auch konnte der Tierarzt nicht bestätigen, dass rupfende Elterntiere dieses Fehlverhalten auf ihre Jungvögel 'weitergeben' würden im Rahmen eines Lernprozesses. - Rangfolge?
Eine Veränderung der Rangfolge könnte ebenfalls Partnerrupfen zur Folge haben: Bislang ist bei uns Ali, die Henne, das dominante Tier, das bestimmt, wann Mogli was zu machen bzw. zu lassen hat. Unter Umständen stellt das Partnerrupfen tatsächlich einen Versuch von Mogli dar, dieses Machtverhältnis zu seinen Gunsten zu verändern. - Mangel an Vitaminen und Mineralien:
Hier wurde uns vom Tierarzt das Produkt Korvimin ZVT angeraten. Wir selbst verwendeten bislang das Vitamin- und Mineralstoffpräparat Prime.
Wir bieten den Tieren nun zusätzlich neben Grit und Gritstein noch Jod- und Kalksteine an, die gerne benagt werden. Nach nicht ganz 24 Stunden ist der Jodstein auf diese Größe abgenagt worden... Mogli erprobt seine Schnabelkraft auch, indem er das Gitter, mit dem der Jostein gestützt wird, zusammendrückt. Unglaublich, was dieses Kerlchen für eine Schnabelkraft entwickelt hat...
Literatur
* Gedanken u.a. aus: Pirol. Das Magazin vom Vogelnetzwerk. Dezember 2003: Zur Gruppenhaltung von Graupapageien - Überlegungen und Erfahrungen - von Rüdiger Stehn. Online-Ausgabe: www.pirol.de


