Handaufzucht oder Naturbrut? (als PDF)

Wildfänge – nein danke!

Dass Wildfänge von Mohrenkopfpapageien abzulehnen sind, darüber muss heute glücklicherweise nicht mehr diskutiert werden. Klare Worte hat hier bereits zu einem frühen Zeitpunkt Werner Lantermann ergriffen: „Brutale Fangmethoden und Massentransporte ohne Rücksicht auf Verluste, kräftezehrende Medikamentenbehandlungen während amtlich vorgeschriebener Quarantänemaßnahmen, vielfach fehlerhafte Haltung und mangelhafte Ernährung bei Groß- und Einzelhändlern sorgen bereits vor dem Eintreffen der Vögel beim ‚Endverbraucher’ für zahlenstarke Abgänge. Schätzungen nationaler und internationaler Naturschutzorganisationen zufolge müssen 3 bis 50 Papageien gefangen werden, damit letztlich ein einziger gesund in die Obhut des Liebhabers, Halters und Züchters gelangt“ (Lantermann: Der Mohrenkopfpapagei – Haltung und Biologie, S.44).

Hoppe / Welcke führen aus: "Neben Wilderern rücken auch die Fallensteller und Tierfänger in die Wälder vor. Mit Schrotflinten, Schlagnetzen und Leimruten stellen sie Vögeln, besonders den Papageien nach. Manchmal sind die professionellen Fänger mit Helikoptern unterwegs und werfen über den Schlafbäumen von Papageien Netze ab - rentable Fangquoten machen auch Geschäfte mit hohem Einsatz lukrativ. Während der Brutzeit sind die Nesträuber unterwegs, die dann die flüggen Papageien aus den Nestern holen. Um an die lukrative Beute zu gelangen, werden oft kurzerhand die Brutbäume gefällt" (Hoppe; Welcke: Langflügelpapageien,2006, S.25f).

Des Weiteren kritisieren Hoppe / Welcke: "Vollkommen unerklärlich sind die von der CITES-Behörde genehmigten Fang- bzw. Exportquoten für einige afrikanische Papageien" (a.a.O., S.31). Besonders bedroht sind hier die Wildbestände des Mohrenkopfpapageis: "Die von der CITES-Behörde festgelegten Fang- und Ausfuhrquoten für den Mohrenkopfpapagei sind unverantwortlich, man stützt sich doch wohl bei der jährlichen Quotenregelung auf Aussagen, die überwiegend 20 Jahre und mehr zurückliegen und oft nur eine 'Ortsbestimmung' in einer kleiner Region waren oder die Quellen, die man zugrunde legte, sind ältere Aussagen" (ebd.).

Die Autoren machen daran anschließend auf eine weitere Problematik aufmerksam: "Käufer wild gefangener Mohrenkopfpapageien berichten, dass in den Beständen der Tiergroßhändler überwiegend oder ausschließlich Altvögel angeboten wurden. Ein deutliches Indiz, dass die gefangenen und in den Handel gebrachten Tiere überaltert sind, ist, dass die Kolonie nicht intakt ist. In einer gesunden Population ist der Anteil der Jungen relativ hoch. Deshalb ist zu befürchten, dass die Mohrenkopfpapageienpopulation in kurzer Zeit zusammenbrechen könnte" (a.a.O., S.32).

Lantermann beschreibt den wildgefangenen Mohrenkopfpapagei als einen Vogel mit überaus scheuem Wesen: Adulte Mohrenkopfpapageien (Wildfänge) drücken sich bei der geringsten Annäherung in die hinterste Käfigecke und stoßen schrille Angst- und Abwehrlaute aus. Nur mit sehr viel Geduld wird es dem Pfleger gelingen, dass die Vögel sich im Lauf der Zeit beruhigen und seine Anwesenheit tolerieren.

Hoppe / Welche fügen hinzu: "Importierte Langflügelpapageien sind zunächst recht scheu und misstrauisch und deshalb schwieriger einzugewöhnen als einige neotropische Papageienarten" (Hoppe; Welcke,2006, S.40). Die Vögel flüchten vor dem Halter und versuchen, sich möglichst gut unter den Artgenossen (sofern vorhanden) zu verstecken. Insgesamt kein sehr gelungener Start in eine erfolgreiche Papageienhaltung, die sowohl Mensch als auch Vogel Spaß macht!!!

Zwischen Scylla und Carybdis: Handaufzucht um jeden Preis?

Noch in Jahr 1997 hatte der Mohrenkopfpapagei zu wenig Prestigewert, „als dass z. B. einem vernachlässigen Jungvogel für einige Wochen ein großer Teil der persönlichen Freizeit geopfert würde, um ihn bis zur Selbständigkeit zu bringen“ (Lantermann: Der Mohrenkopfpapagei, S.87). Solche Handaufzuchten seien eher bei preislich attraktiveren Papageien für den Züchter interessant, so Lantermann. Heute, 10 Jahre später, blüht der Handel mit handaufgezogenen Mohrenkopfpapageien. Denn gerade durch die Handaufzucht lassen sich für diese Vögel hohe Verkaufspreise erzielen. Je früher der Zeitpunkt der Handaufzucht, desto mehr ‚Arbeit’ hat der Züchter ja mit dem Tierchen, desto zahmer und anhänglicher wird der Vogel (Stichwort: SUERZAHM) – folglich wird der private Halter auch sehr zufrieden mit dem neuen Hausgenossen sein: Klar, dass sich das ganze auch im Kaufpreis niederschlägt. Handaufgezogene Mohrenkopfpapageien werden dann für bis zu 500 Euro je Vogel verkauft. Meist wird dann noch ein besonderes Gesundheitszertifikat oder eine Geschlechtsbestimmung mittels Endoskopie beigelegt.

"Handaufgezogene Papageien sind in der Regel heute etwa eineinhalbmal teurer als Naturbruten und doppelt oder gar dreimal so teuer wie Importvögel der gleichen Art. Damit wird die Handaufzucht - bei allem damit verbundenen Pflegeaufwand - zu einem äußerst lukrativen Geschäftszweig im Heimtierhandel" (Lantermann: Verhaltensstörungen bei Papageien, Entstehung - Diagnose - Therapie, 1998). Im Gegensatz zum Wildfang sind Handaufzuchten besser an die Bedingungen in Menschenobhut angepasst (Reinschmidt: Kunstbrut und Handaufzucht, S.72):

Nachgezüchtete Papageien sind also den Wildentnahmen auf jeden Fall vorzuziehen: Jede Nachzucht trägt zur Verminderung der Importe bei. Ob dabei allerdings die Handaufzucht das Non-Plus-Ultra ist, dies darf durchaus angezweifelt werden. Der Wunsch nach dem immer perfekteren Haustier hat zu Handaufzuchten geführt, in denen definitiv nicht das Wohl des Tieres an erster Stelle steht.

Bei diesen Arten von Handaufzucht ist es dem Vogel nicht möglich, sich als Papagei zu sozialisieren – der Vogel hat keine Möglichkeit, artgerechtes Verhalten wie eigene oder fremde Gefiederpflege zu lernen. Dem Vogel wird es später schwer fallen, sich wie ein Papagei zu verhalten. Im Einzelnen kann dies bedeuten:

Rudolf Wagner schreibt dazu: „Was haben die Züchter da eigentlich getan, aufgezogen und einfach verkauft und weitergegeben? Handzahme Papageien, die nicht wirklich sich mit Artgenossen sozialisieren konnten und nur uns Menschen als Sozialisierungs-Partner zu Verfügung hatten. Papageien also, die im Grunde Vertreter ihrer eigenen Gattung oder Art nicht erkennen, nicht mit ihnen kommunizieren können und ständig auf die Anwesenheit ihrer menschlichen Bezugsperson fixiert sind, ohne die sie zu seelischen Krüppeln bis hin zu Federrupfern werden oder sich sogar selbst blutig beißen und kannibalisch selbst verstümmeln. Viele private Papageienhalter sind zu ‚faul’ oder fühlen sich nicht in der Lage, über Wochen und Monate eine vertrauensvolle Basis zu ihrer neu erworbenen Naturbrut aufzubauen. Der Papagei soll am besten gleich auf der Hand sitzen, irgendwelchen situationsgerechten Blödsinn reden und freundlich sein“ (Wagner: Unser Mohrenkopfpapagei, S.83f).

Handaufzucht – ja, aber...

Zahmheit nur zum Wohle des Besitzers? Erzwungene Zahmheit, die schlussendlich auf Kosten des Papageis geht? Hier muss ich ganz klar sagen: Diese Art der Handaufzucht lehne ich ab! In den diversen Papageienforen wird heiß über die Thematik diskutiert – pro und contra Handaufzucht. Heute geht der Trend weg von der Handaufzucht, hin zur Naturbrut. Ich selbst bin jedoch der Ansicht, dass Handaufzucht nicht gleich Handaufzucht ist. Hier ist in meinen Augen eine differenzierte Betrachtung notwendig. Welche Formen der Handaufzucht abzulehnen sind, das habe ich dargelegt.

Ich selbst gehe davon aus, dass handaufgezogene Vögel ab der 6. Lebenswoche (oder menschgewöhnte Naturbruten) gesundheitlich stabiler sind als frühe Entnahmen zur Handaufzucht. Die Elternvögel füttern ihre Jungen mit Futterbrei, der die spezielle Kropfmilch enthält. Nur dadurch werden die Jungvögel ein stabiles Immunsystem entwickeln können. „Mohrenkopfpapageien-Männchen nehmen das angebotene Futter auf und behalten es einige Zeit in ihrem Kropf, wo bereits der Verdauungsprozess beginnt und übergeben später diesen eingespeichelten Futterbrei an das Weibchen, das diesen Brei auch noch einige Zeit in ihrem Kropf behält, ehe sie ihn an die Küken weiterverfüttert. Das kann insgesamt bis zu 2 Stunden dauern, so dass das Futter, das an die Küken weitergeben wird, schon gut vorverdaut ist. Elternvögel füttern gefahrlos ihre Küken mit einem Futterbrei, der nur noch die Mikroorganismen enthält, die die Küken für eine gute Aufbereitung und Verdauung in ihrem Körper benötigen“ (Wagner: Unser Mohrenkopfpapagei, S.88).

Da wir selbst handaufgezogene Mohrenkopfpapageien besitzen, kann ich mir nur hierzu ein Urteil erlauben. (Mein Wissen über Naturbruten ist dagegen angelesen).

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch darauf eingehen, wie sich die 'Wegnahme' der Nestlinge auf die Elternvögel auswirken kann. Oftmals wird durch die Entnahme der Nestlinge erneut der Bruttrieb angeregt. Dies wird sogar häufig von Züchtern oder Institutionen intendiert. Die erneute Brut kann zu einer physischen Schwächung der Elternvögel führen. Die Entnahme von Gelegen oder Nestlingen stellt für die Elternvögel zweifelsfrei eine Stress-Situation dar. Gerade in Stress-Situationen ist das Immunsystem geschwächt: Die Vögel können schneller erkranken.

Wahrscheinlich der beste Weg: Menschgewöhnte Naturbruten

„Die Naturbrut ist für den Papagei und seinen Halter die beste Voraussetzung für Freude aneinander. Zwanghaftes Verhalten und Neurosen wir Schreien, Federrupfen, Beißen etc. bleiben bei einem Papagei, der in einer ausreichend großen Voliere gut gehalten wird, einen Partnervogel und Freiflug im Zimmer hat, ganz sicher die große Ausnahme“ (Wagner: Unser Mohrenkopfpapagei, S. 84). Wagner vergleicht hierzu Handaufzucht und Naturbrut (ebd., S.88f). Er stellt fest:

Das Wissen über Naturbruten ist von mir lediglich angelesen und reflektiert; es beruht nicht auf eigener Erfahrung. Auch in den Papageienforen überwiegen bisher die Halter von Wildfängen oder Handaufzuchten, so dass auch hier wenig Erfahrungsberichte über Naturbruten vorliegen. Hier habe ich weiterführende Links zum Thema zusammengestellt.